Übergang zur PTBS

Ein schreckliches Erlebnis kann jedem Menschen im Laufe seines Lebens widerfahren und bei allen vorübergehend zu hoher psychischer Belastung führen. Ob die Konfrontation mit einem potentiell traumatisierenden Ereignis zu einer Anpassungsstörung führt und schliesslich in eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) übergeht, ist sehr individuell und hängt einerseits von der Art, der Dauer und der Schwere des Traumas ab, andererseits auch von den persönlichen Schutz- sowie Risikofaktoren und Ressourcen. Was die eine Person lediglich als stressreichen Moment empfindet, kann bei einer anderen Person zu einem Schock und möglicherweise zu einer überwältigenden, seelischen Verletzung führen. Die Erfahrung zeigt, dass sich ein Drittel der direkt von einem traumatisierenden Ereignis betroffenen Menschen ohne jegliche Therapie erholt, einem Drittel mit stabilisierender Unterstützung geholfen werden kann und nur circa ein Drittel eine Traumatherapie benötigt1.

Wichtig: Allein das subjektive Erleben (und Bewerten) des Traumas sowie die damit verbundenen körperlichen, psychischen und sozialen Folgen sind entscheidend und massgebend dafür, was ein Mensch benötigt, um wieder Integrität und Heilung zu finden.

Die Anpassungsleistung nach einem Trauma
Die unmittelbare, kurzzeitige psychische Stressreaktion auf ein traumatisches Ereignis nennt man akute Belastungsreaktion (Schockreaktion) oder akute Belastungsstörung. Diese Bezeichnungen stehen für die normale Anpassungsleistung nach Extremereignissen, denn extreme seelische und/oder körperliche Not verursacht zunächst auch extreme Reaktionen.

Die akute Belastungsreaktion beginnt unmittelbar nach dem Ereignis und klingt oft nach einigen Tagen spontan wieder ab. Im Vergleich dazu ist die akute Belastungsstörung eine intensivere Reaktion, welche typischerweise innerhalb des ersten Monats nach dem Trauma auftritt und deren Symptome in der Regel nicht länger als 4 Wochen anhalten. Sie wird als Vorläufer der PTBS bezeichnet und ist geprägt von folgenden Elementen:

  • Konstriktion: Dieser Begriff beschreibt die psychische Erstarrung, emotionale Taubheit und den inneren Rückzug. Betroffene verkriechen sich, wollen nicht reden, sich nicht anfassen lassen und meiden traumarelevante Reize, da sie schlichtweg nicht mehr mit dem Entsetzlichen konfrontiert werden wollen.
  • Intrusion: Dieses Wort umschreibt das wiederholte, unfreiwillige Wiedererleben traumatischer Ereignisse durch aufdringliche Gedanken, Bilder, Albträume oder Flashbacks. Sie werden ausgelöst durch Trigger, also innere wie äussere Reize, welche traumatische Erinnerungssplitter reaktivieren, diese urplötzlich ins Bewusstsein drängen und sich jeglicher Kontrolle entziehen. Solche Reize können beispielsweise Gerüche, Geräusche, Orte oder Situationen umfassen und führen bei Betroffenen oft zu intensiven körperlichen wie psychischen Reaktionen. Sie gelten als Warnzeichen für unverarbeitete Traumainhalte.
  • Hyperarousal:  Diese Bezeichnung definiert den Zustand anhaltender oder leicht auslösbarer Übererregung des vegetativen Nervensystems mit erhöhter Wachsamkeit, innerer Anspannung und gesteigerter Reaktionsbereitschaft. Betroffene befinden sich in einem dauerhaften Alarmzustand, obwohl keine akute äussere Bedrohung besteht. Dies zeigt sich unter anderem in Symptomen wie Schreckhaftigkeit, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und Schlafstörungen oder auch auf körperlicher Ebene mit Schwitzen, Zittern und Bluthochdruck.

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Sind die obengenannten drei Kardinalssymptome der posttraumatischen Reaktion sehr intensiv ausgeprägt, breiten sich die Beschwerden im Alltag eher aus, statt weniger zu werden und bestehen sie länger als vier bis sechs Wochen, kann die Diagnose der PTBS gestellt werden. Diese lässt sich klassischerweise als Traumafolgestörung im Sinne einer verzögerten Reaktion auf ein belastendes, meist schweres Ereignis definieren.

Die Folgen einer PTBS umfassen psychische, körperliche und soziale Beeinträchtigungen, die das Leben der Betroffenen in fast allen Bereichen erschweren. Sie bewirken Veränderungen des Verhaltens wie auch der Persönlichkeit des Menschen, was wiederum in sozialem Rückzug, Bindungsunfähigkeit, Beziehungsproblemen sowie Arbeitsunfähigkeit resultieren kann. Ohne Behandlung kann sich die Störung chronifizieren und die Lebensqualität nachhaltig und stark darunter leiden.

Um eine Chronifizierung der körperlichen sowie psychischen Beschwerden zu umgehen, ist es entscheidend frühzeitig professionelle Hilfe aufzusuchen, wenn:

  • die Beschwerden und Symptome innerhalb der ersten Wochen nach dem traumatisierenden Ereignis nicht nachlassen oder sich sogar verstärken
  • diese mit grosser Verunsicherung verbunden sind und erhebliches Leiden im Alltag verursachen
  • sie starke Erschöpfung mit sich ziehen
  • und die Symptome länger als 4 – 6 Wochen andauern

Besonders bei schwerer Belastung, Suizidgedanken oder Funktionsverlust im Alltag ist professionelle Unterstützung dringend notwendig und unumgänglich!

Je früher eine PTBS behandelt wird, desto besser sind die Heilungsaussichten, denn mit passender therapeutischer Unterstützung kann sie häufig gut verarbeitet und überwunden werden, da unsere Seele ähnlich wie unser Körper, starke Kräfte zur Selbstheilung besitzt.


  1. Siehe Literaturliste, unter Fachliteratur Quelle 1, Seite 29: ↩︎