Das Wochenbett umfasst die sechs bis achtwöchige Phase nach der Geburt und steht kennzeichnend für die körperliche sowie psychische Erholung der Mutter als auch für das Kennenlernen und das vielseitige Umsorgen des Neugeborenen.
Die hormonelle Umstellung mütterlicherseits nimmt unmittelbar nach der Geburt ihren Lauf. Sie ist ein sehr komplexer unsichtbarer Vorgang, bei dem Östrogen-, Progesteron- und HCG-Spiegel (nach der Geburt der Plazenta) plötzlich stark abfallen, während die Prolaktin- sowie Oxytocin-Werte noch unter der Geburt maximale Peaks erreichen und auch im Anschluss beim Stillen und Bonding mit dem Baby weiterhin regelmässig in hohen Mengen ausgeschüttet werden. Diese rasante Änderung im Hormonhaushalt führt oft zu Stimmungsschwankungen (Baby-Blues) sowie zu körperlichen Veränderungen (Rückbildung der Gebärmutter, Milcheinschuss), welche sich bei einem physiologischen Verlauf meist innerhalb der ersten Woche nach der Geburt wieder legen und einpendeln.
Die erste Zeit als Mutter ist allerdings nicht nur von diversen hormonellen wie körperlichen Umstellungen geprägt. Tatsächlich geht diese Phase aufgrund der zeitlichen Rundumbetreuung des Neugeborenen meist mit anhaltendem Schlafentzug und damit verbundenen emotionalen Turbulenzen für die Frau einher, und gilt deshalb (wie die Schwangerschaft) ebenfalls als hochvulnerabler Lebensabschnitt. Wird die Mutter in dieser intensiven Zeit mit (lebens-)bedrohlichen Ereignissen konfrontiert, so hinterlassen diese oft massive Wunden und könnten beispielsweise wie folgt aussehen:
- Die akute Traumatisierung im Wochenbett hat ihren Ursprung oft in schweren, lebensbedrohlichen Erkrankungen der Frau und/oder des Babys (welche meist mit Trennung von Mutter und Kind einhergeht), die im Extremfall sogar den Tod eines Kindes (frühe Frühgeburtlichkeit, schwere Beeinträchtigung, Sternenkind, SIDS) mit sich ziehen. Das Versterben der Mutter bei oder nach der Geburt kommt dank den Fortschritten in der geburtshilflichen Medizin in der Schweiz heutzutage selten vor, führt aber in der konkreten Situation bei allen Betroffenen immer zu einer tiefgreifenden Erschütterung, die mit Schock, intensiver Trauer und Ohnmacht einher geht und dringend einer interdisziplinären, professionelle Begleitung in der Verarbeitungszeit bedarf.
Kommt es unter der Geburt zu einem Trauma oder in der Wochenbettszeit effektiv zu traumatisierenden Ereignissen oder zu einer getriggerten Traumareaktivierung, so kann dieser biografische Einschnitt weitreichende Folgen für die Mutter, das Neugeborene sowie die ganze Familie haben:
- Mögliche Folgen eines (reaktivierten) peripartalen Traumas umfassen sämtliche psychischen Erkrankungen wie die posttraumatische Belastungsstörung, Angststörungen und Wochenbettdepressionen mit entsprechenden Symptomen wie Antriebsschwäche, Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Diese psychischen Belastungen wiederum beeinträchtigen den ungestörten Bindungsaufbau zum Kind sowie die Stillbeziehung und können unbehandelt in Partnerschaftskonflikten wie auch in der langfristigen Vermeidung einer weiteren, ursprünglich erwünschten Schwangerschaft resultieren. Gefühle wie Hoffnungslosigkeit, Wut und Selbstzweifel können neben einer Vielzahl an körperlichen Reaktionen direkt nach der Geburt auftreten, oder sich erst verzögert Wochen oder Monate nach dem eigentlichen Ereignis bemerkbar machen.
Viele traumatisierte Mütter oder Angehörige können unmittelbar nach der belastenden Erfahrung nicht direkt darüber sprechen, sondern ziehen sich zurück und meiden Situationen oder Gespräche, die Erinnerungen an das Trauma wecken könnten. Sehr oft kommen gleichzeitig Schuldgefühle oder das Empfinden auf, versagt und sich nicht genügend gut um das Baby gesorgt oder eingesetzt zu haben.
All diese Gedanken und Emotionen sind in der ersten Zeit der Verarbeitungsphase normal und gehören als zu erwartende Reaktionen im Prozess der Traumaintegration dazu. Hält dieser Zustand jedoch an und wird er zu einer allgegenwärtigen Belastung im Alltag der Familie, ohne aktiv verarbeitet zu werden, so kann ein Trauma chronifizieren und langfristige schwerwiegende psychische sowie physische Folgen mit sich ziehen.
