Geburt

Die Geburt eines Kindes ist ein tiefgreifendes, besonderes Ereignis im Leben der werdenden Eltern, das meist mit grosser Vorfreude, guter Hoffnung und Neugierde aufs Baby sehnlichst erwartet wird. Sie markiert den Übergang von der Frau zur Mutter und geht mit intensiven Emotionen sowie auch vielen Veränderungen einher. Die körperliche als auch die psychische Verfassung sowie die Unterstützung aus dem Umfeld der schwangeren Frau können den Geburtsverlauf massgeblich beeinflussen. So kann die Geburt im Idealfall als stärkendes Erlebnis empfunden werden, wenn die Gebärende gut vorbereitet ist, sie unter der Geburt selbstbestimmt agieren kann und sie sich jederzeit sicher sowie empathisch begleitet fühlt.

Nicht selten kommt es leider vor, dass die Geburt als traumatisierende Grenzerfahrung erlebt wird, da der Geburtsprozess unter Umständen mit starken Schmerzen und Sorgen verbunden ist und die Situation gleichzeitig unkontrollierbar sowie unabwendbar bleibt. Dass die werdende Mutter meist von fremden Personen betreut wird und vielfach medizinische Eingriffe notwendig werden, kann besonders bei unzureichender Kommunikation, Komplikationen oder in lebensbedrohlichen Notfällen dazu führen, dass sie sich hilflos, völlig ausgeliefert und überhaupt nicht mehr sicher fühlt – und dies zu einem Zeitpunkt, in dem sämtliche Sinne der Frau besonders geschärft sind und Worte, Blicke sowie Gesten überaus sensibel aufgenommen werden. Dies ist der Moment, in dem unter der Geburt seelische Verletzungen stattfinden oder sich verschlimmern können.

Mögliche Faktoren für ein Geburtstrauma können sein:

  • Subjektives Erleben: Intensive Angst, Panik, Schmerzen und ein extremes Gefühl des Ausgeliefertseins mit maximalem Kontrollverlust bis hin zu Dissoziationen.
  • Mangelnde Einbindung: Fehlende Informationen, Nichtbeachtung von Wünschen oder Gewalt in der Geburtshilfe (wie grober Umgang, Übergehen des Willens, Eingriffe unter Zwang oder körperliche Massnahmen wie Festhalten oder Kristeller-Handgriff).
  • Überforderung des Personals: Zeitdruck und Personalmangel, die zu einer unpersönlichen oder kalten Atmosphäre führen.
  • Unerfüllte Erwartungen: Eine große Diskrepanz zwischen der Wunschgeburt und dem tatsächlichen Verlauf mit Erschütterung des Selbstwertgefühls und grosser Enttäuschung.
  • Akute Gefahr und Komplikationen: Diverse unerwartete geburtshilfliche Notfall-Szenarien, die mit Angst um das eigene Leben oder dem des Kindes verbunden sind. Kommt es nach der Geburt aufgrund von Komplikationen zu einem Intensivaufenthalt von Mutter und/oder Kind, führt die damit verbundene Trennung zur Verzögerung des Bondings und meist auch Stillbeginns.
  • Kindsverlust: Trotz hohen medizinischen Standards in der Geburtshilfe sowie grossen Fortschritten in der modernen Neonatologie kann es auch heutzutage noch vorkommen, dass ein Kind kurz vor, während oder nach seiner Geburt verstirbt oder lebenslang davon beeinträchtigt bleibt. Dies aufgrund von möglichen Komplikationen während der Schwangerschaft, früher Frühgeburtlichkeit, lebensbedrohlichen Notfällen unter der Geburt oder schweren Erkrankungen von Mutter und Neugeborenem.

Die Geburt hat also durchaus das Potential, von der werdenden Mutter als unheimliche Bedrohung für das Leben ihres Babys und/oder des eigenen Selbst erlebt zu werden. Neue Zahlen und Fakten sprechen erschreckenderweise dafür, dass 9 – 50 % aller Frauen unter der Geburt belastende Erfahrungen machen und etwa 5 % der Mütter in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln1.


  1. Siehe Literaturliste, unter Internetseiten Quelle 1 ↩︎