Verarbeitungsphasen und Symptome

Die Traumaverarbeitung

In der unmittelbaren Zeit nach einem traumatischen Ereignis durchlebt der Mensch verschiedene Phasen der Verarbeitung. Das Gehirn versucht zunächst spontan die abgespaltenen, verdrängten Inhalte zu integrieren, also sinnvoll rational und emotional einzuordnen und zu verbalisieren. Zusammen mit dem Körper, der aufgrund der unentladenen Traumaenergie immer noch „unter Strom“ steht, muss es jedoch damit fertig werden, dass dissoziert wurde, es also extreme Verwirrtheitszustände und entfremdetes Erleben gab. Eine solche integrative Verarbeitung braucht Zeit sowie Geduld und ist mit erheblichen körperlichen wie auch seelischen Irritationen verbunden. Wichtig zu wissen: Dies sind allesamt normale Reaktionen auf ein völlig unnormales Erlebnis!

Die Schockphase
Direkt nach dem Ereignis befinden sich traumatisierte Personen in einem Schockzustand. Dieser ist primär notwendig um das körperliche und / oder seelische Überleben zu sichern und kann über wenige Stunden bis hin zu einer Woche anhalten. Durch die traumatische Erfahrung ist die eigene Erlebnis- und Gefühlswelt komplett ins Wanken gekommen. DieOrientierung fehlt, man ist verwirrt und kann sich nicht an wichtige Daten wie zum Beispiel die eigene Telefonnummer oder das Geburtsdatum erinnern. Gleichzeitig befindet sich unser Gehirn und Körper wegen der überaktiven Amygdala in ständiger Alarmbereitschaft, um uns vor vermeintlich neuen Gefahren noch schneller und besser (mittels Fight-or-Flight-Reaktion) schützen zu können. Diese konstante Übererregung des vegetativen Nervensystems wird geprägt von körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Atemnot, Schwindel, Muskelverspannungen, Kopf-/Rückenschmerzen. Auch Schlafstörungen, Albträume und eine hohe Schreckhaftigkeit machen sich in dieser vulnerablen Phase oft bemerkbar.

Die Einwirkphase
Von der Schockphase geht es über in die Einwirkphase, welche circa zwei Wochen anhält und der Integration der traumatischen Erfahrung und abgespaltener Inhalte (Fragmente) dient. Betroffene beschäftigen sich mit den Einzelheiten des erlebten Traumas, beginnen diese zu verbalisieren und werden gleichzeitig immer wieder von Selbstzweifel, Selbstanklage und auch Wutanfällen gegenüber möglichen Verursachern überrollt. Die wiederkehrenden Gefühle, Bilder und Gedanken zum Ereignis können der Grund für starke Stimmungsschwankungen sein, welche nicht selten die Eltern-Kind-Bindung und auch die Partnerschaft oder Beziehung zu Angehörigen belasten. Diese Empfindungen sind in dieser Phase allerdings normal und gehören zur Verarbeitung des Traumas dazu. Besonders wichtig sind viel Ruhe, Schlaf, ausgewogene Ernährung und Entlastung durch ein verständnisvolles, empathisches sowie unterstützendes Umfeld.

Die Erholungsphase
Die Erholungsphase beginnt circa zwei bis vier Wochen nach dem Trauma. Günstigenfalls sinkt in dieser Zeit die Dauererregung des vegetativen Nervensystems kontinuierlich ab und mit Distanz zum Erlebten kann allmählich eine nötige, gesunde Akzeptanz aufgebaut werden. Im besten Fall umfasst diese intensive Phase die Bewältigung akuter Symptome, das Wiedererlangen eines Sicherheitsgefühls und die schrittweise Integration des Erlebten. Nicht jeder Gedanke an das traumatische Geschehen löst automatisch noch den vollen Schrecken aus, sondern die Kontrolle über Gefühle, Gedanken und Handlungen kann stetig zurückgewonnen werden.

Mit Abnahme der körperlichen und psychischen Beschwerden kehrt das Interesse am normalen Leben sowie an anderen Personen langsam zurück und auch die Zukunftspläne werden wieder positiver gesehen. Obwohl das traumatische Ereignis in dieser Phase immer noch von zentraler Bedeutung ist, können Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit nach und nach wiedererlangt und schliesslich auch Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Diese machen das Trauma im Idealfall zu einem Erlebnis, welches in die persönliche Lebensgeschichte integriert werden kann, ohne längerfristig eine präsente Belastung darzustellen. Für viele Menschen bietet das Trauma auch Anlass, über das bisherige Leben gründlich nachzudenken, Resilienz zu spüren und womöglich sogar die Zukunftsplanung zu überdenken. Grundlegend wichtig in diesem Prozess sind erneut soziale Unterstützung, Sicherheit, Selbstfürsorge und Geduld. Die Begleitung durch professionelle Therapeuten kann dabei helfen, eine Chronifizierung der körperlichen und psychischen Beschwerden oder langfristige Folgen wie eine posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen und Angststörungen abzuwenden.

Was tun, wenn die Erholungsphase ausbleibt?
Rund ein Drittel der Betroffenen erholt sich nicht so rasch von einer traumatischen Belastung. Das kann daran liegen, dass sie besonders schwerwiegende körperliche und/oder seelische Verletzungen erlitten haben oder ihnen schützende Faktoren sowie Ressourcen fehlen. Kommen in der Verarbeitungszeit, in der man aufgrund der Daueralarmbereitschaft höchst verletzlich und empfindlich auf äussere Reize reagiert, weitere Schreckensnachrichten oder belastende Lebensumstände hinzu, so kann sich die Erholungsphase deutlich verzögern oder die Heilung sogar gänzlich ausbleiben. Der Übergang zur posttraumatischen Belastungsstörung kann in diesen Fällen fliessend erfolgen, weshalb empfohlen wird, achtsam zu sein und nach einer Traumaexposition besser frühzeitig professionelle therapeutische Hilfe aufzugleisen.