Traumareaktionen

Zu den klassischen Traumareaktionen gehören die folgenden fünf Überlebensmechanismen, die bei wahrgenommener Bedrohung automatisch aktiviert und vom Menschen nicht bewusst gesteuert werden können. Sie sind vielfältig, individuell und umfassen körperliche, emotionale sowie kognitive Symptome.

Die Fight-or-Flight – Reaktion
Unser Hirnstamm ist in Extremsituationen nicht imstande, vernünftig zu agieren und Entscheidungen zu treffen. Stattdessen löst er im Zusammenspiel mit dem Hormon- und vegetativen Nervensystem bei Gefahr blitzschnell eine instinktive Überlebensreaktion aus: Der Sympathicus bewirkt, dass ein Mensch in kürzester Zeit all seine Kräfte mobilisieren kann, um entweder zu kämpfen oder zu fliehen (Fight-or-Flight) – und bestenfalls der Bedrohung zu entkommen. Hormone wie Adrenalin und Cortisol erhöhen Herzfrequenz, Blutdruck und Blutzuckerspiegel, während nicht essenzielle Funktionen (Verdauung) gedrosselt werden, um die Energieversorgung von Muskeln und Gehirn in Aktion zu gewährleisten. Nach einer erfolgreichen Fight-or-Flight-Reaktion ist der Körper durch den maximalen Energieverbrauch erschöpft. Es folgt eine Phase der Ruhe und Regeneration, in welcher der Parasympathicus (Rest-and-Digest) die Regie übernimmt: Die Verdauung wird wieder angeregt, Energiereserven werden aufgebaut und sämtliche Körperfunktionen kehren in den Normalzustand zurück.

Die Freeze-, Fawn-, oder Flop-Reaktionen
Wenn die Bedrohung für den Menschen zu massiv ist und alles nichts mehr hilft – also situationsbedingt kein Fight oder Flight stattfinden kann -, dann bleibt dem Gehirn nur noch das Umschalten in den Notfallmodus: Es kommt zu den reflexbedingten Reaktionen Freeze (Einfrieren, Erstarren), Fawn (Unterwerfung) und Flop (Erschlaffen). Dabei wird die enorme Energie, die eigentlich für den Überlebenskampf bereitgestellt wurde, nicht mobilisiert und entladen, sondern sie bleibt als traumatische Energie im Nervensystem stecken und sorgt auch nach der Bedrohung noch für die Übererregung des vegetativen Nervensystems. Unter diesen Umständen ist klar: Das Ereignis findet für den Menschen jetzt als Trauma statt!

Während der Freeze-Reaktion schaltet der Körper in einen Zustand der Lähmung und Unbeweglichkeit, um Energie zu sparen und Gefahr abzuwenden. Die Muskeln werden dabei angespannt und steif, was zur kompletten Bewegungsstarre und Immobilität führt: Dem sogenannten Totstell-Reflex.

Der Mensch ist in dieser Schreckstarre wie betäubt und empfindungslos, die Gefühle werden abgeschaltet und es kommt zur Dissoziation auf körperlicher und psychischer Ebene. Der Körper reagiert selbst auf intensive und schmerzhafte Stimulation nicht mehr adäquat und ist häufig komplett schmerzunempfindlich. Dabei nimmt das Gehirn die ganze Zeit über bewusst wahr, was passiert, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Bleibt der äussere, aggressive Reiz weiterhin bestehen, kann dieser nur noch „unschädlich“ gemacht werden, indem das Bewusstsein vom Körper abgespalten, also dissoziiert wird. Dieser peritraumatische Moment kommt der völligen Entfremdung vom Geschehen gleich und geht mit maximalem Kontrollverlust einher. Betroffene fühlen sich oft wie „abgeschnitten“ von ihren Empfindungen, emotional taub oder erleben ein Gefühl der inneren Leere oder der Unwirklichkeit (von oben oder aussen zuschauend, im Sinne der Depersonalisation / Derealisation).

Die Fawn-Response (Rehkitz-Reaktion) ist eine weitere Traumareaktion, bei der Betroffene durch extremes Anpassen, Gefälligkeit und Unterwerfung vermeintliche Sicherheit in bedrohlichen Situationen suchen. Es ist eine Strategie, Konflikte zu vermeiden oder Aggressionen abzuwenden. Der Mensch geht dabei über seine persönlichen Grenzen hinaus und opfert seine eigenen Bedürfnisse, um Beziehungen zu wahren. Ganz im Sinne von: Je weniger eigene Gefühle da sind, desto einfacher ist es, sich an die Emotionen anderer Menschen anzupassen und somit selber weniger verletzt zu werden.

Reichen weder die Freeze- noch die Fawn-Reaktion aus, um die Lebensbedrohung abzuwenden, kann als extremste Überlebensstrategie die Flop-Reaktion folgen. Dabei kommt es zur kompletten Erschlaffung der gesamten Muskulatur und schliesslich zum totalen Zusammenbruch. Dieser zeigt sich in körperlicher und emotionaler Taubheit (Numbing), Schwäche oder Dissoziation und dem Gefühl, „gar nicht mehr da“ zu sein. Das Gehirn macht dicht und geht Offline, um den unerträglichen Stress oder Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Nach aussen hin kann es bei der Flop-Reaktion so wirken, als ob der Mensch plötzlich seelenruhig und gelassen wird. Jedoch ist er in dieser Pseudo-Ruhe geistig komplett weggetreten, ist apathisch und befindet sich in einem Trance-ähnlichen Zustand. Nicht selten kann diese Notreaktion in Ohnmacht oder in einem kompletten körperlichen wie psychischen Shutdown gipfeln.